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10.4.-13.4.2016 Chile: Villa Baviera ehemals Colonia Dignidad

Trotz meiner Vorbehalte fahren wir zur etwa 17.000 Hektar umfassenden Colonia Dignidad ("Kolonie Würde", offiziell "Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad" / "Wohltätigkeits- und Bildungsgemeinschaft Würde"). Sie wurde im Jahre 1961 vom deutschen Sektenführer Paul Schäfer gegründet und 1988 in Villa Baviera (Dorf Bayern) umbenannt. Paul Schäfer flüchtete aus Deutschland vor der Strafverfolgung wegen Kindesmißbrauch und errichtete mit dem ehemaligen Baptistenprediger Hugo Baar und weiteren Helfershelfern die Kolonie etwa 400km südöstlich von Santiago de Chile .
Bereits weit vor den eingezäunten Ländereien der weisen große Hinweisschilder auf den Touristenkomplex Villa Baviera hin, der sich auf dieser Webseite mit all seinen Vorzügen als Ferienobjekt selbst darstellt. Ein hoher, aber landesüblicher Zaun begrenzt heute das Gelände - die früher wohl vorhandenen Sicherungsanlagen wurden entfernt. Noch bevor wir zum Eingangsportal kommen, fahren wir an der sehr gepflegt aussehenden Privatschule Escuela Partikular Villa Baviera vorbei - bisher deutet nichts auf die schwere Vergangenheit der Villa Baviera hin.

Am Tor meldet Doris uns an - per Telefon übersetzt ein Einwohner unsere Wünsche für die spanischsprechende Mitarbeiterin. So geht es für uns problemlos hinein in den Komplex - die deutsch sprechende Dame an der Hotelrezeption zeigt uns einen Stellplatz unter Bäumen am Freibad. Da es schon spät ist, melden wir uns für den nächsten Tag bei einer Führung an.
Nun sind wir in der Colonia Dignidad, in der Paul Schäfer 35 Jahre lang eine totalitäre Schreckensherrschaft über etwa 300 Sekten-Mitglieder mit Überwachung, Psychoterror, brutaler Folter und sexuellem Mißbrauch von Jungen führte. Als im Jahr 1996 in Chile gegen Schäfer Ermittlungen wegen Kindesmißbrauch aufgenommen werden, taucht er bis zu seiner Verhaftung im Jahr 2005 in Argentinien unter. Mit dem Untertauchen begann der Zerfall der Sekte - heute wohnen noch etwa 150 Opfer des Sektenführers in Villa Bavaria. Aber erst als Schäfer 2010 im Gefängnis stirbt, können viele Opfer ihre belastende Vergangenheit aufarbeiten - die meisten versuchen nur zu verdrängen.
Ein Neuanfang wird im Tourismus gesucht: Restaurant, Hotel, Whirlpool, Schwimmbad, Wanderwege durch die beeindruckende Natur, Unimogfahrten über die Ländereien und Bierfeste in bayrischer Tracht mit deftiger deutscher Küche sollen den Lebensunterhalt sichern und zur Tilgung der von Schäfer hinterlassenen Schulden beitragen.
Einige der Opfer führen Touristen über das Gelände und sind offen für Diskussionen über die Geschichte der Sekte. Sie berichten auch über ihre persönlichen, traumatisierenden Erlebnisse und haben psychische Probleme, immer wieder die Orte ihrer eigenen Mißhandlungen zu zeigen. Der Aufbau eines Museums über die Colonia Dignidad stagniert derzeit - die Leitung wünscht sich Unterstützung durch Historiker bei der Aufarbeitung der Geschichte. Beklagt wird, dass viele Materialien bei Razzien durch die chilenische Polizei zerstört wurden und dass etwa 40.000 von Schäfer erstellte Akten beschlagnahmt wurden und bis heute unter Verschluß sind.

In Gesprächen mit den Opfern der Colonia Dignidad wurden uns viele der schrecklichen Einzelheiten über Schäfers Terrorherrschaft bestätigt. Weiterführende Dokumente wie z.B. die österreichische Diplomarbeit "Perspektiven der deutsch-chilenischen Minderheit in Chile auf Colonia Dignidad" von Lorena Mazuré Loos, oder die Wikipedia-Artikel zu Paul Schäfer und zur Colonia Dignidad hinterlassen bei uns einen zwiespältigen Eindruck über die Sektenmitglieder und besonders über die Rolle der deutschen Politik.

Es gibt Widerstände gegen die Tourismusbestrebungen, denn die "Kolonie der Würde" diente dem chilenischen Geheimdienst in den Jahren der Pinochet-Diktatur (1973-1990) auch als Folterlager für Regimekritiker. Die Colonia soll unter dem Deckmantel der ihr zugeteilten Gemeinnützigkeit auch Waffen eingeschleust und rechtsextremen Unterstützern der Pinochet-Diktatur zur Verfügung gestellt haben. Die Angehörigen einiger Verschwundener fordern immer wieder die Aufklärung der Verbrechen an den auf der Colonia gefangen gehaltenen, für medizinische Versuche mißbrauchten und als Zwangsarbeiter eingesetzten Chilenen. Sie fordern, aus der Colonia eine Gedenkstätte zu machen.

Bei einer Führung in den Gebäuden der Colonia für eine deutsche Schulklasse mit ihrer chilenischen Partnerklasse und den Klassenlehrern führt uns Erika zunächst durch das sogenannte 'Freihaus', in dem ihr Peiniger Schäfer auch wohnte. Hier zeigen einige alte Fotos die gesamten Sektenmitglieder aus den Anfangsjahren - Erika war schon 1962 als Kind mit nach Chile gekommen. Musikinstrumente zieren die Säle, in denen Musikunterricht und -aufführungen stattfanden. Mit Chören und Orchestern wurde nach Außen das Bild der heilen Welt in der Colonia dargestellt. Das Mobilliar - wie auch die Kleidung vieler Einwohner - verströmt immer noch den Charme und die Atmosphäre der 60er Jahre.
Erika will am Nachmittag noch mit anderen Frauen zum Besuch ihrer als Mittäter verurteilten Männer ins Gefängnis. Heiraten konnten Sektenmitglieder erst nach dem Zerfall der Sekte, Liebe und Sexualität war ihnen immer vorenthalten und verboten worden. Ausnahmen vom Heiratsverbot gab es nur beim Führungskader. Erika bedauert sehr, keine Kinder bekommen zu können. Zu den Gründen macht sie nur Andeutungen - es fällt ihr aber sichtlich schwer darüber zu sprechen. Hier wird uns wieder der Zwiespalt deutlich, in dem sich die Opfer und die teilweise verurteilten Mittäter der Schreckensherrschaft beim gemeinsamen Leben in dieser traumatisch schwer belasteten Umgebung befinden. Täter und Opfer haben sich irgendwie arrangiert - es gibt auch immer wieder Probleme damit, dass die heutige Leitung der Villa Bavaria durch Kinder der damaligen Führungsriege besetzt ist.
Als Erika sich auf den Weg zum Gefängnis machen muss, zeigt uns der 51-jährige Jürgen ausführlich Reste und Foto's der Überwachungsanlagen, einige Schlafräume und die Wachstube, die heute für Diskussionsrunden genutzt wird. Jürgen hatte fünf Fluchtversuche unternommen und wurde mit immer schwereren Mitteln gezüchtigt, die Behandlung mit Psychopharmaka und bis zu zweiwöchige Arreste im Keller unter dem heutigen Hotel haben ihm physisch und psychisch schwer zugesetzt.
Die autarke Colonia wurde mit Stacheldraht und Berührungsmeldern umzäunt - Schäfer begründete es mit dem "Schutz vor Kommunisten". Stolperfallen, Selbstschußanlagen, Wachtürme und Wachmannschaften mit Wachhunden verhinderten viele Fluchtversuche - es gab kaum ein Entrinnen. In der Wachstube zeigt Jürgen uns hinter einer Schranktür eine Rutschstange, mit der die Wachen schnell zu den Fahrzeugen im Erdgeschoß gelangen konnten. Ausgedehnte Bunkeranlagen und unterirdische Gänge, in denen laut Presseberichten Gegner des Pinochet-Regimes gefoltert und ermordet sein sollen, sind Jürgen und anderen Bewohnern aber nicht bekannt.
Aussagen aus dem ehemaligen Führungskader und Knochenfunde bestätigen aber die Hinweise auf Schäfers Hilfestellungen für Pinochet und dessen Geheimdienst. Mit Leinentüchern verhüllte Folteropfer sollen mit dem Traktor in die Berge gebracht und dort verscharrt worden sein. Nur wenige Colonia-Flüchtige können diese Greueltaten bezeugen, aber schon 1966 berichtet ein geflüchteter Jugendlicher von der scharfen Überwachung und der harten Fronarbeit bereits beim Aufbau der Colonia. Spätestens seitdem wussten viele deutsche Behörden und Politiker von den Verbrechen, stellten sich teilweise trotzdem noch bis 1987 schützend vor die Täter.

Einen entscheidenden Anstoß zur geschichtlichen Aufarbeitung der Greueltaten in der Colonia hat der im Februar 2016 in Deutschland angelaufene Kinofilm "Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück" von Florian Gallenberger gebracht. Berater für diesen Film war das Colonia-Opfer Jörg Schnellenkamp - der Bruder von Anna Schnellenkamp, der heutigen Leiterin der Villa Bavaria.
Anna lernen wir bei unserem Besuch in der Wachstube kennen - sie skizziert uns den Film, den sie im Februar im Rahmen einer Tagung über Menschenrechte in Berlin gesehen hat. Sie befürwortet den Film als Einstieg in die Diskussion über die Colonia Dignidad und die unrühmliche Rolle der der deutschen Botschaft, des Bundesnachrichtendienstes und der deutschen Politik. Sehr eindrucksvoll und gleichzeitig bedrückend war für sie die wirklichkeitsnahe Darstellung des Sektenführers Paul Schäfer.
Anna nimmt sich sehr viel Zeit für die jungen Schüler und uns - sie stellt die Geschichte der Colonia, ihre persönliche Geschichte und die heutigen Probleme der ehemaligen Sektenmitglieder ausführlich dar. Anna und ihre sechs Geschwister wurden in der Colonia geboren. Der Familienvater wurde als ehemaliger Vizepräsident der Colonia Dignidad und Freund von Paul Schäfer wegen "Komplizenschaft bei sexuellem Missbrauch" zu fünf Jahren Haft verurteilt und sitzt derzeit in Chile im Gefängnis. Einige Informationen zur Familie Schnellenkamp und das spezielle Verhältnis der sieben Schnellenberg-Kinder zu ihren Eltern sind im Artikel in der Zeitung "Die Zeit": "Es bleibt in der Familie" dargestellt.
Nach der sehr interessanten Diskussion mit Anna führt uns Jürgen noch in die Kellerräume unterhalb des Hotels, in denen er damals auch arrestiert und gezüchtigt wurde. Heute stehen dort einige alte Gerätschaften des Betriebes, Reste der alten Telefonanlage boten die Überwachung der Telefonate - ein ausgeräumter Tresor enthielt früher Schäfer's Akten. Jürgen aber fühlt sich auf Grund seiner Erinnerungen in diesem Keller sehr unwohl und erzählt von den Schmerzensschreien die bei Züchtigungen auch in den Räumen oberhalb gut zu hören waren.
Zum Abschluß gehen wir noch in den Restaurantsaal des 'Zippelhaus', in dem Schäfer seine Herrenversammlungen einberief. Hier - wo früher vermeintliche Sünder kollektiv verprügelt wurden - trinken wir leckeren Colonia-Apfelmost und es kann urbayerisch gespeist werden. An den Wänden sind alte Musikinstrumente drapiert, viele Foto's und Meisterbriefe zeigen die Sektenmitglieder der ersten Stunden und ihre noch in Deutschland erworbenen Fähigkeiten.
Vor dem Wohnhaus, in dem Schäfer jahrzehntelang Jungen missbrauchte, können Hochzeitsgäste sich heute das Ja-Wort geben und in einem großen Festzelt nach deutschem Brauchtum feiern. Beim Gedenken an die Vergangenheit dieser Orte, ist es sehr verständlich, dass viele der Terror-Opfer den Tourismus in diesen Räumlichkeiten massiv ablehnen.

An der Hauswand des Hotels zeigt eine Tafel nur die "Chronik des Tourismus" der Villa Baviera auf. Die Jahre der 35-jährigen Terrorherrschaft des Sektenführers Paul Schäfer von 1961 bis 1996 werden hier als "Años dificiles" ("Schwierige Jahre") bezeichnet, aber nicht näher erläutert.
Wer zum Verständnis mehr lesen will, kann hier meine - für mein Verständnis sehr wichtige - persönliche Zusammenfassung der Geschichte der Colonia Dignidad und ihres Despoten aus verschiedenen, teilweise widersprüchlichen Quellen AUFKLAPPEN oder zuklappen.

Anna Schnellenkamp sagte uns, dass Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sie unter dem Eindruck des Kinofilms als Leiterin der Villa Bavaria für Ende April 2016 als Zeitzeugin zu einer Diskussionsrunde im Auswärtigen Amt (AA) eingeladen hat. Später lesen wir in der Presse, dass Steinmeier das Verhalten der deutschen Diplomaten als zu zaghaft bezeichnet hat. Die Rede ist beim Auswärtigen Amt nachzulesen. Es geht auch um Vorwürfe, dass die deutsche Botschaft keinen Schutz für die aus der Colonia entkommenen Minderjährigen gewährte, sie wurden stattdessen unter Verweis auf das Sorgerecht in die Hände ihres Peinigers zurückgeschickt.
Durch Steinmeier werden die normalerweise für 30 Jahre unter Verschluß stehenden Akten des Außenministeriums vorzeitig freigegeben. In einem FAZ-Artikel wird Steinmeier mit den folgenden Worten zitiert: „Von den sechziger bis in die achtziger Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan.
Anna Schnellenkamp stellt bei dieser AA-Diskussion auch Forderungen nach Opferentschädigung und psychologischer Hilfe. Ein Jurist - auch ein Opfer Schäfers - bereitet Sammelklagen gegen Deutschland und Chile vor.

Kurz nach der Diskussionsveranstaltung gab der Bundesnachrichtendienst (BND) zu, schon 1966 von "KZ-ähnlichen" Methoden in der Sektensiedlung Colonia Dignidad - allerdings nur aus örtlichen Presseberichten - erfahren zu haben. Vom Auswärtigen Amt wird jetzt auch eingeräumt, dass die Regierung bis 1987 Menschenrechtsverletzungen ignoriert und sich sogar schützend vor die Colonia Dignidad gestellt habe.
Mitte Juli 2016 fuhr Bundespräsident Joachim Gauck zu einem Staatsbesuch nach Chile. Gauck bedauerte, dass deutsche Diplomaten jahrelang weggeschaut haben und die Unterdrücker gewähren liessen.
Doch bei diesem Staatsbesuch kam es zu einem Eklat, als beim Empfang der Deutschen Botschaft der als Mittäter zu einer Bewährungsstrafe verurteilte Reinhard Zeitner und ein weiterer Colonia-Mittäter anwesend waren. Nicht nur bei den Opfern sorgte dieses für Fassungslosigkeit - der Regisseur Florian Gallenberger, der Gauck auf der Reise nach Chile begleitete, geriet auf dem Empfang mit Zeitner in Streit.
Hieß es zunächst, die beiden Colonia-Mittäter seien versehentlich zum Empfang geladen, so wurde später eingeräumt, dass sie von der Deutschen Botschaft absichtlich eingeladen waren.
Es gibt offensichtlich noch viel aufzuarbeiten - mehr Sensibilität gegenüber den Opfern ist sicherlich angebracht, auch wenn die Mittäter heute offizielle Positionen im Tourismusbetrieb der Villa Bavaria bekleiden.

Im Internet sind weitere Informationen über die Colonia Dignidad zu finden, hier seien nur einige für uns interessante Stellen genannt, da wir die dort dargestellten Personen teilweise auch vor Ort sprechen konnten:

Die Tage in der Villa Bavaria haben bei uns das Verlangen nach mehr Informationen über die Verbrechen des Paul Schäfer und die Bewältigung der schweren Vergangenheit durch seine Opfer geweckt. Wir hoffen, dass mit der Aktenfreigabe des Auswärtigen Amtes die unrühmliche Rolle der deutschen Politiker und Botschafter zeitnah aufgearbeitet und ein Weg zu einer Entschädigung der Colonia-Opfer gefunden werden kann.
Wir besuchen noch die weitläufig verteilten Gebäude des Hospitals, der Bäckerei, der Gärtnerei und des Museums. Dabei sprechen wir noch mit einem chilenischen Bewohner, der mit seiner Mutter in die Colonia gezogen ist und alles miterlebt hat. Er ist sehr gläubig und findet seinen Trost in der Bibel. Auf dem Friedhof machen uns die Gräber der Sektenmitglieder noch einmal nachdenklich und lassen uns an ihre "años dificiles", ihre schwere Zeiten als Täter und/oder Opfer denken.
Für uns geht es nach diesem eindrücklichen Besuch - weiter über Parral in Richtung Pellahue.

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